Improvisation, Teil 1

Es ist diese neoliberale Gesellschaft, in die wir eng eingehüllt, ummantelt sind. Für die einen ist es eine kuschelige wärmende Hülle, für nicht wenige andere sind es aufgrund mangelnder Bedeckung zugige, ungemütliche Zustände. Das allgemeine Credo lautet: aktiv sein, raffiniert und vigilant. Überhitzung, Aktionismus und Reflexionsabwesenheit sind dem Neoliberalismus inbegriffen. Dieweil sind Tätigkeiten ausschlaggebend geworden wie konkurrieren, sich hinweg-, durchsetzen, erfolgreich sein, gewinnbringend agieren. Sigmund Freud betrachtete schon in seiner Zeit die (Waren-) Produktion immer mehr einer Destruktion gleichkommend. Gleichzeitig sah er im Akkumulations- und Wachstumszwang, in der Selbstoptimierung des Menschen eine unbewusste Angst vor dem Tod am Werk: „Man optimiert sich zu Tode.“  Sensorische Antworten wie Erschöpfung, Leiden und Schmerz werden tatkräftig marginalisiert, denn Schmerz als auch Leiden stehen am ehesten für Passivität und erscheinen mithin sinnlos in einer fortwährend rackernden unruhigen Gesellschaft.

Schmerzempfinden (Nozizeption) ist aber ein bedeutsamer, Überleben sichernder Mechanismus im vitalen Organismus. Die Beseitigung des Schmerzes, was uns medikamentös in Aussicht gestellt wird, beseitigt das zweifelsohne unangenehme, manchmal unausstehliche Gefühl, jedoch wird damit ein bedeutsames Frühwarnsystem als Teil eines zweckmässigen Regelkreises abgeschaltet. Schmerzlinderung, seine Tilgung gilt als Essenz eines erfolgreichen Lebens im Reglement der Gesellschaft. Folgerichtig bescheinigt der Philosoph Byung-Chul Han dem heutigen Menschenbetrieb, eine Palliativgesellschaft zu sein. Palliativ ist mit schmerzlindernd nicht im Wesen bezeichnet, eher handelt es sich um ein „bemänteln“.

[lat.: pallium = Mantel, palliare = mit einem Mantel umhüllen, verbergen, schützen]

In der gegenwärtigen weltweiten Seuchenzeit sieht der Philosoph das Virus in die palliative Wohlfühlzone eindringend und diese in eine Quarantäne verwandelnd, in der das Leben zum Überleben erstarrt. Der Nachbar, der Andere wird zum Objekt, zur Virenquelle verdinglicht, von dem man sich distanzieren muss. Wir bleiben daheim, wir essen, ertüchtigen uns daheim, wir liefern uns dem Digitalen aus, um mit der Welt und mit anderen in Kontakt zu bleiben. Wir unterwerfen uns einem Reglement und Katalog von Verboten, an deren Verfassung wir nicht mitgeschrieben haben. In bangen Momenten erahnen wir, was für ein fragiles Ding eine Demokratie ist. Bei Byung-Chul Han ist Nietzsches berühmter „letzter Mensch“ „nicht notwendig an die liberale Demokratie gekoppelt. Er verträgt sich ohne Weiteres mit einem totalitären Regime“.

Der Soziologe Ulrich Beck legte vor mehr als 30 Jahren sein Werk „Die Risikogesellschaft“ vor. Darin skizzierte er die moderne Gesellschaft anhand spezifischer Merkmale, die uns auch heute noch beschäftigen, mitunter sogar noch verstärkt belasten.                        

  • Risiken der heutigen Gesellschaft sind auf moderne Ursachen zurückzuführen. Sie sind Nebenprodukte des industriellen Fortschritts. Sie werden nicht intentional hervorgebracht, sondern wachsen in dem Maße, in dem auch unsere technische Entwicklung fortschreitet.
  • Die heutigen Risiken haben eine neue Qualität angenommen, denn sie sind nicht mehr an den Ort ihrer Entstehung gebunden. Heutige Nebenfolgen des technischen Fortschritts zeichnen sich durch die Globalität ihres Bedrohungspotenzials aus.
  • Frühere Gefährdungen (z.B. Armut) waren sinnlich wahrnehmbar, und stellten somit konkret erfahrbare Risiken dar. Die Risiken unserer heutigen Zeit dagegen treten größtenteils in latenten Formen auf, entziehen sich also einer eindeutigen Wahrnehmung und bleiben in ihrem Kern meist unsichtbar.

In der Risikogesellschaft obliegt die Aufgabe der Deutung von Risiken in erster Linie den (Natur)Wissenschaften. Sie bestimmen, welche Stoffe als gefährlich für Mensch und Umwelt einzustufen sind und bis zu welchen Belastungsgrenzen sie als hinnehmbar erscheinen. Dadurch kommt ihnen eine gesellschaftlich-politische Schlüsselposition zu, obwohl die Risikobewertung kein vollends empirisch fundiertes Resultat darstellt, sondern gewisse Divergenzen einräumt. Es kommt unweigerlich zu divergierenden Betrachtungen, konfliktbehafteter Definitionsvielfalt von Risiken, die stark nach dem sozialen bzw. kulturellen Standort und den Interessen der jeweiligen Wissenschaftler bzw. ihrer Auftraggeber variieren. Es liesse sich folglich eine gewisse Instrumentalisierung des Risikos ableiten und fatalerweise lässt sich am Ende auch kein Schuldiger dingfest machen – jedermann als auch niemand ist verantwortlich.

Wie aber stellen wir uns der Tatsache, dass unser Leben risikobehaftet ist? Ein überaus tragisches, beinahe lächerliches Exempel bot der österreichische Dichter Ödön von Horvath. Ein Wahrsager prophezeite ihm ein einschneidendes (tödliches?) Erlebnis, woraufhin Horvath die Benutzung eines Fahrstuhls als auch eines Autos als zu gefährlich abwies, stattdessen trat er den Heimweg zu Fuß an. Ein einsetzendes Gewitter brach an einem Baum einen Ast ab, der ihn fatalerweise traf und erschlug.

Nun lassen sich in einem riskanten Umfeld unterschiedliche Verhaltensweisen beobachten:

Indifferenz oder Ignoranz Gefährdungen gegenüber: „Wo sich alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich“ (Ulrich Beck).

Hypersensibilität Risiken gegenüber: Aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts sind „alte“ Risiken weggefallen, ohne dass die Menschen entspannter reagieren. Der Philosoph Odo Marquard nannte das „das Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“– die eigentümliche Fähigkeit des modernen Menschen, unter immer weniger immer mehr zu leiden.

Anderenfalls könnte man sich auch auf den Standpunkt stellen, Risiko als Teil unseres Daseins anzunehmen, – nicht in einem fatalistischen, sklavischen Sinne, sondern mit dem Gespür für das Veränderliche, Wandelbare, auch Unzuverlässige, was uns umgibt. Nehmen wir das Risiko als „Challenge“ an, so gewinnen wir reichlich Flexibilität und Zuversicht, – definitiv nicht die schlechtesten Eigenschaften für Kreativität und Da-Sein.

Nicht zufällig fällt mir doch in diesem Zusammenhang dazu die Substanz des Jazz ein: die Improvisation. Davon soll der nächste Text handeln. –> –> –>

Improvisation, Teil 2

Nach dem Kurzaufenthalt in der Palliativ- und Risikogesellschaft will ich jetzt auf das Improvisieren kommen.

Zuvor will ich noch auf die Prägung der europäischen Denkweise eingehen. In der Regel geben wir als geistige Erben des Philosophen Rene Descartes unserem Denken, Umwelt und Erfahrungen einen mathematischen Ausdruck. Dafür steht das Kartesische Koordinatensystem, in dem wir Zusammenhänge in einem zweidimensionalen (x- und y-Achse) oder dreidimensionalen Raum (zusätzlich die z-Achse) veranschaulichen. Auf dieser Grundlage lassen sich Berechnungen anstellen, Voraussagen und Entscheidungen treffen. Es stellt sich aber in der Zwischenzeit heraus, dass der Zustand, in dem wir leben, mittels kartesischer Modalität nicht mehr hinlänglich beschrieben und fundiert werden kann. Zu kurzlebig sind die Gewissheiten, allzu bald ungültig die Lehrsätze, heute Beschlossenes erweist sich morgen schon als überholt. In einer Welt, die morgen nicht mehr die gleiche ist wie heute, erweist sich das Kartesische System als starr und ungelenkig.

Ein Ausweg wäre, sich zu trainieren, aus der Komfortzone auszutreten, mit Kontrollverlust umgehen zu lernen, Fehler als prozessimmanent zu akzeptieren und der eigenen Improvisationsfähigkeit mehr zutrauen.

Für den Philosophen Georg Bertram ist Improvisation nicht die abzurufende Notlösung. Die Improvisation ist eine fundamentale Fähigkeit des Menschen, die wir öfter ausüben, als wir denken. Dennoch ist sie nicht das Gegebene, nur Aufzurufende, sondern muss erst einmal eingeübt werden. In unserer Zeit, in der es kaum noch Blaupausen für menschliches Handeln gibt, dürfte sie das Potenzial haben, zur Königsdisziplin zu avancieren. Es handelt sich dann nicht mehr um eine Situation, in die wir hineingezwungen wurden, sondern um eine Möglichkeit der Weiterentwicklung.

Improvisation sucht man leider oft vergeblich da draußen, fester Bestandteil ist diese Fähigkeit primär in den verschiedenen Kunstgattungen, vorrangig in der Musik, und am Anschaulichsten im Jazz. Dort findet man seine schönste Ausprägung, die ein durch und durch demokratisches Prinzip bewahrt: das Musikerkollektiv kennt die Jazz Standards aus dem „ff“, kennt die Akkordverläufe (chord progression) der Songs und ihre rhythmischen Ausprägungen.  Das lässt sich vortrefflich kollektiv intonieren und spannt darüber hinaus den Raum für den persönlichen musikalischen Ausdruck aus. Im Grunde ist jeder aufgerufen, das Thema zu interpretieren, die Musikerkollegen lassen Raum, empfangen das Gespielte, um darauf wieder antworten zu können, um sich letztlich in der Liedmelodie erneut zusammenzufinden. Ein exemplarischer Vorgang: Raum für jede Stimme lassen, gemeinsam vorgetragene Harmonien, Reaktion auf das „Gesagte“, alles in allem ein Anschauungsunterricht für einen funktionierenden demokratischen Prozess.

Der persönliche Ausdruck, die Improvisation wäre sinnentstellt, würde sie nur um die eigene Präsentation willen vorgetragen, ausschließlich als ein technisches Kabinettstück, eine überbordende Schalllawine. Die Improvisation basiert auf einem profunden Wissen um die Harmonielehre, die Kenntnis der Stücke. Sie ist eine wechselseitige Beziehung zwischen vorbereitet sein und unvorbereitet sein. Steve Lacy sagte es so: Du hast dich all die Jahre präpariert und sensibilisiert, was letztlich trotzdem in einem Sprung ins Unbekannte endet. Lee Konitz: das ist meine Art von Vorbereitung: nicht präpariert zu sein, – und das braucht eine Menge Vorbereitung!

Sich auf den Weg machen, mit unbekanntem Ziel noch, nicht gefeit vor Umwegen, Fehltritten, Unterbrechungen. Tatsächlich deckt sich das Ziel mit der Reise selbst. Demgegenüber erweist sich alles Planmäßige und Zufallsfreie letztlich als toxisch, das Zögern, die Feigheit vor dem Abenteuer als Lähmung.

„Man sollte zusehen, dass man sich in Schwierigkeiten bringt“, meint Nassim Nicholas Taleb, Experte für Risikoanalysen an der New York University, denn wir entwickeln keine nennenswerte Kreativität und Kraft, solange wir in der Komfortzone verharren. Er hat den Begriff der „Antifragilität“ geprägt; sein Credo ist: antifragil auf Ereignisse, auf Krisen zu reagieren, was heißt, nicht nur widerstandsfähig zu sein, sondern aus der Situation einen Zugewinn zu schöpfen.

[Gebt mir doch bitte Bescheid, wenn ihr ein Indiz ausmacht, dass die deutsche Regierung inklusive seines Amtsapparates improvisierend, kenntnisreich, demokratisch, kollektiv, harmonisch und antifragil zu agieren beginnt. Dann würde ich vielleicht noch einmal Vertrauen entwickeln können. Ansonsten bleibt dem „Objekt“, das allzeit verwaltet und gelenkt wird, nicht viel mehr übrig als die Verachtung.]

Die werte Kundschaft wird noch auf Teil 3 verwiesen   –> –> –>

Improvisation, Teil 3

Der amerikanische Poet Jack Kerouac, fasziniert von den Jazzclubs der Ost- und Westküste, suchte er nach Wegen, etwas von der Leichtigkeit und Spontanität dieser Musik in die Literatur zu übertragen. Er entwarf eine Liste von 30 Vorschlägen, die seine Glaubenssätze und Techniken für moderne Literatur umreißen. Ein Fahrplan für alle, die schreibend besser improvisieren wollen.

Belief & Technique for modern Prose

List of Essentials

  1. Scribbled secret notebooks, and wild typewritten pages, for yr own joy
  2. Submissive to everything, open, listening
  3. Try never get drunk outside yr own house
  4. Be in love with yr life
  5. Something that you feel will find its own form
  6. Be crazy dumbsaint of the mind
  7. Blow as deep as you want to blow
  8. Write what you want bottomless from bottom of mind
  9. The unspeakable visions of the individual
  10. No time for poetry but exactly what is
  11. Visionary tics shivering in the chest
  12. In tranced fixation dreaming upon object before you
  13. Remove literary, grammatical and syntactical inhibition
  14. Like Proust be an old teahead of time
  15. Telling the true story of the world in interior monolog
  16. The jewel center of interest is the eye within the eye
  17. Write in recollection and amazement for yourself
  18. Work from pithy middle eye out, swimming in language sea
  19. Accept loss forever
  20. Believe in the holy contour of life
  21. Struggle to sketch the flow that already exists intact in mind
  22. Dont think of words when you stop but to see picture better
  23. Keep track of every day the date emblazoned in yr morning
  24. No fear or shame in the dignity of yr experience, language & knowledge
  25. Write for the world to read and see yr exact pictures of it
  26. Bookmovie is the movie in words, the visual American form
  27. In Praise of Character in the Bleak inhuman Loneliness
  28. Composing wild, undisciplined, pure, coming in from under, crazier the better
  29. Youre a Genius all the time
  30. Writer-Director of Earthly movies Sponsored & Angeled in Heaven

  1. Vollgekritzelte geheime Notizbücher, und wilde Schreibmaschinenseiten, zu deiner eigenen Freude
  2. Demütig allem gegenüber, offen, zuhörend
  3. Versuche niemals dich ausserhalb deines eigenen Hauses zu betrinken
  4. Sei verliebt in dein Leben
  5. Etwas was du fühlst wird seine eigene Form finden
  6. Sei verrückt urteilsfrei
  7. Atme so tief du atmen willst
  8. Schreib was du willst bodenlos vom Grund deines Herzens
  9. Die unaussprechlichen Visionen des Individuums
  10. Keine Zeit mit Poesie verschwenden, sagen, was ist
  11. Visionäre Spleens erzittern in der Brust
  12. In einem Trancezustand von einem Objekt direkt vor deiner Nase träumen
  13. Entferne literarische, grammatische und Syntax-Befangenheit
  14. Wie Proust, sei ein großer Potraucher
  15. Erzähle die Wahrheit über die Welt im inneren Monolog
  16. Das wichtigste Juwel ist das Auge im Auge
  17.  Schreibe in Rückbesinnung und Erstaunen für dich selbst
  18. Arbeite vom mittleren Auge aus heraus, schwimm im Sprachmeer
  19. Akzeptiere Verlust für immer
  20. Glaube an die heiligen Konturen des Lebens
  21. Kämpfe um den Fluß der Gedanken zu skizzieren, die schon in deinem Kopf existieren
  22. Suche nicht nach Worten, wenn du unterbrichst, außer um das Gesamtbild besser zu sehen
  23. Behalte jeden Tag im Auge, das Datum schmückt deinen Morgen
  24. Keine Angst oder Scham vor der Würde deiner Erfahrungen, Sprache und Wissen
  25. Schreib, damit die Welt es lesen kann, und sieh das exakte Bild davon
  26. Buchfilm ist der Film in Worten, die visuelle amerikanische Form
  27. Lobpreise deinen Charakter in der öden unmenschlichen Einsamkeit
  28. Komponiere wild, undiszipliniert, rein, von unten kommend, je verrückter umso besser
  29. Du bist ein Genius allezeit
  30. Schriftsteller in irdischen Filmen, gefördert und geheiligt im Himmel

Der Mief

(bei Klick sieht man den Mief)

In den frühen 60er Jahren formierte sich eine Band in den Vereinigten Staaten, die mit zum Despektierlichsten gehörte, was auf der Ebene RocknRoll, Rhythm&Blues entstanden ist. Zwei nicht ganz unbescholtene US-Bürger, die mehr oder weniger erfolgreich als Dichter zu reüssieren versuchten, hatten die Idee, eine Band zu gründen. Ihr musikalisches Potenzial muß als eher bescheiden bewertet werden, ihre unerhörten arglistigen Texte sollten aber ein musikalisches Vehikel bekommen und so scharten sie stets gestandene Musiker um sich. Die Namen der Initiatoren waren Naphtali „Tuli“ Kupferberg (1923 – 2010) und Ed Sanders (*1939). Sie gaben ihrer Band den Namen The Fugs, in Anlehnung an Norman Mailers Roman „Die Nackten und die Toten“ wo der Autor gezwungen wurde, das darin vorkommende mißliebige Tabuwort mit 4 Buchstaben zu ersetzen.  Mailer wählte das Wort „Fug“ (der Mief). Kupferberg war bei der Bandgründung schon über vierzig, aber zusammen mit seinem Partner Sanders und der Band wurde er zum Affront selbst in der ernsthaften strebsamen New Yorker Szene: Das miefige Schmuddelkind inmitten artiger blitzsauberer Kinder. Ihre Konzerte in den Szenehöhlen der Lower East Side waren legendär. Ihre Platten keine kommerziellen Erfolge aber exemplarisch für einen frühen Punk, schlampig-unfertig, mit gewollt schludrigem Gesang, und beißenden Texten, die jeden guten Geschmack verhöhnten. Die Entlarvung des CIA Manns ist da noch das Harmloseste, in anderen Songs geht es darum, dass man einfach nicht High wird, feuchte Träume hat, über die Slum Königin der Lower East Side oder den skurrilen Mönchsgesang zu dem Song Marijuana, über einen, der Brüste besonders mag, was ein Supergirl so alles draufhaben sollte, und das alles um uns herum eh Nichts  (Gornyscht) ist. Da musste selbst mancher Avantgardist erschrocken aufhorchen.

Mit dem Hereinplatzen der Fugs wurde alles anders, jetzt war das Modell des Freaks geboren, definiert, was der Underground bedeutet. Nicht lange dauerte es, und neue Bands, die sich an die Fugs-Attitüde anlehnten, tauchten auf: Frank Zappa und die Mothers of Invention, the Holy Modal Rounders, Velvet Underground, Captain Beefheart.

Die Fugs verstanden sich nicht ausschließlich als Ulknudeln, sie hatten auch eine politische Mission.: in 1967 versammelte sich eine Mischpoche Gleichgesinnter zu einer Exorzismus-Aktion vor dem Pentagon. Der Ruf machte die Runde: „Out Demons out!“

Die Fugs-Band fiel nach wenigen Jahren auseinander, kam aber in wechselnder Besetzung mit den Gründervätern immer wieder einmal zusammen.

Vor der Zeit mit der Band war Tuli schon aktiv als Dichter mit eigener Herausgabe seiner Schriften; Allen Ginsberg hat ihm ein Denkmal gesetzt in „The Howl“ mit der Beschreibung des Mannes der von der Brooklyn Bridge in den East River sprang und unerkannt in Chinatown verschwindet. Letzteres ist wohl eher eine poetische Variante, denn Kupferberg wurde wohl von irgendwelchen Leuten aus dem Wasser gefischt und war danach wieder sehr lebendig.

Mit seiner Frau Sylvia Topp gründete er die Birth Press, gab eigene Schriften heraus, die die Freunde halfen zu vervielfältigen, zu falten und zu binden.

Seine bekanntesten Werke waren wohl diese: 1001 Ways To Live Without Working oder 1001 ways to beat the draft (sich vor der Einberufung drücken).

Das liest sich in Auszügen so:

Get thee to a nunnery.
Fly to the moon and refuse to come home.
Die.
Become Secretary of Defense.
Become Secretary of State.
Become Secretary of Health, Education and Welfare.
Castrate yourself.
Invent a time machine and go back to the 19th century.
Start to menstruate. (Better red than dead.)
Shoot up for a day.
Refuse to speak to them at all.
Replace your feet with wheels.
Rent a motel room with a ewe.
Say you’re crazy.
Say they’re crazy.
Get muscular dystrophy when you’re a kid.
Marry J. Edgar Hoover.
Take up residence in Albania.
Stretch yourself on a rack so that you become over 634 feet tall.
Marry your mother.
Marry your father.
Marry your sister.
Marry your brother.
Marry your daughter.
Marry your son.
Marry Mao Tse-tung.
Proclaim that you are the Living God.
Stamp your foot in the earth like Rumpelstiltskin and
refuse to eat until our boys return from Viet Nam.
Get elected Pope.
Get elected to the Supreme Soviet.
Get lost.
Grow seven toes on your head.
Make the world go away.
Wear pants made of jello.
Ride naked through the streets on a white horse.
Declare war on Germany.
Tell the draft board that you will send your mother to fight in Viet Nam in your place.
Tell the psychiatrist that if he doesn’t let you into the Army you’ll kill him.
Turn yellow.
Don’t agree to anything.
Find a million dollar in a toilet bowl you the only one dares to fish it out


Als ich im Jahre 1999 nach Woodstock kam, und das hübsche Städtchen besichtigte, das noch immer den Hippie Geist zu atmen schien, fand ich an der Stadthalle die bevorstehenden Veranstaltungen in einem Schaukasten aufgelistet. Darunter auch ein Vortrag über „Orgasmus im Alter“. Redner: Tuli Kupferberg!

Ed Sanders war Besitzer der Peace Eye Buchhandlung auf der zehnten Straße in der Lower East Side. Zur Eröffnungsparty steuerte der befreundete Andy Warhol Textilkunst bei. Dort fanden auch die ersten Auftritte der Fugs statt. Sanders ist darüber hinaus selbst Schriftsteller und erzählte wahre und fiktive Begebenheiten aus der New Yorker Beatnik- und Hippie-Szene. In den langen Jahren seiner Dichter-Karriere wurde er zunehmend ein geachteter und ausgezeichneter Künstler. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Woodstock, NY State.

Tuli Kupferberg, der Geist aus der Flasche, ein Neo-Aufklärer und Neue-Welt-Eulenspiegel starb mit 87 Jahren. Solche Charaktere fehlen heutzutage schmerzlich, was würde man geben für einen solchen Gaukler, der die gesellschaftlichen Verhältnisse verspottet, der aber auch all die Besserwisser und Rechthaber aus allen gesellschaftlichen Lagern dem Hohn preisgibt.

Klavierstunde

(Titelklick –> Zack-Bild)

In meinem kleinen Musikstudio im Keller steht ein Piano. Es ist ein Digitalpiano der Marke Yamaha. Ab und zu klimpere ich darauf herum, prima Übungen, um die Finger beweglich zu halten. Fortschritte mache ich so gut wie keine. Als ich ein kleiner Junge war und in Leipzig-Gohlis wohnte, meldete mich meine Mutter zum Klavierunterricht bei einer alten Dame im Nachbarhaus an. Als die Frau nach ein paar Jahren in eine andere Stadt zog, hätte ich mich nach einer anderen Lehrerin umsehen müssen, was ich aber nicht getan habe. Zumal gerade die Phase der Adoleszenz begann und ich mich somit für andere Dinge interessierte, Klavier gehörte offensichtlich nicht mehr dazu. Auch bekam ich Bauchschmerzen, wenn ich an eine Zukunft dachte, wo ich vor Publikum auftreten sollte. Das Klavier, das schon meine Mutter gespielt hatte, blieb in meinem Zimmer stehen, als eine ständige Erinnerung an die Zeit, als ich noch die Czerny-Etüden übte. Jetzt war es Ablage, Staubfänger und nächtlich knarrendes, ächzendes schwarzes Ungetüm. Erst als ich das Elternhaus verließ, wurde es verkauft, weiß Gott an wen.

Was geblieben ist, ist eine Vorliebe für Klaviermusik, klassisch in erster Linie, späterhin begann die Faszination für das Klavier im Jazz. So große klangvolle Namen sind mit dem Instrument verbunden. Am Anfang in den 30er Jahren standen die Stride-Pianisten der Swing Ära, wie Jelly Roll Morton, Willie The Lion Smith, Art Tatum im Fokus, die sich ihre berühmten „Piano battles“ lieferten. In 1939 wurden zwei von ihnen, Meade Lux Lewis und Albert Ammons, in ein Studio gelockt, wo gerade zwei aus Deutschland Geflüchtete begannen, Tonaufnahmen zu fabrizieren, was sich bald darauf zu dem berühmten „Blue Note Label“ entfaltete.

Nach den Kriegsjahren wichen Stride piano und Boogie-Woogie neuen Stilrichtungen und die aufkommenden Namen lesen sich wie eine „Hall of Fame“: Duke Ellington, Oscar Petersen, Bud Powell, Count Basie, Erroll Garner, Dave Brubeck, Bill Evans. Earl Hines, Marian McPartland, Mary Lou Williams, Thelonius Monk, Horace Silver.

Später traten Pianisten hervor, die ich das Glück hatte, live zu erleben: Tommy Flanagan, Herbie Hancock, Cecil Taylor, Billie Taylor, Barry Harris, Chick Corea, Keith Jarrett, Abdullah Ibrahim, Carla Bley, Kenny Baron, Brad Mehldau, McCoy Tyner, Randy Weston, Gerri Allen, Jason Moran. Hinter jedem der Namen lässt sich eine eigene Welt entdecken.

Zweier Piano-Meister soll an dieser Stelle explizit gedacht werden.

Keith Jarrett (* 1945) war ein Phänomen mit seinen ungebundenen freischwebenden Improvisationen, die er in seinen zahllosen Welttourneen in verschiedenen Bandbesetzungen zu Gehör brachte. Eindrücklich vor allem seine langjährige Arbeit im Trio mit Gary Peacock (bass) und Jack deJohnette (drums), und vielleicht mehr noch seine berühmten Solokonzerte. Der Mitschnitt des Köln-Konzerts aus dem Jahre 1975 wurde millionenfach verkauft. In diesem, wie auch in einer Reihe andere Solokonzerte erkundete er auf verschlungenen Wegen die Essenz von Melodien und Liedern und artikulierte seine spontanen Inspirationen auf ganz eigene Weise. Nie war vorhersehbar, wohin die Reise der Töne gehen würde, alle Leinen waren entkoppelt, die Segel gesetzt und die Fahrt ins Ungewisse begann. Er tastete sich voran und wirbelte über die Klaviatur mit Konzentration, Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit, und nahm allerlei Schwingungen aus seinem musikalischen Kosmos als auch aus der Umgebung auf. Diese immense Konzentration, der er sich unterwarf, forderte er auch von seinem Publikum, auf Störungen reagierte er manches Mal äußerst ungehalten. In den 90er Jahren diagnostizierte man bei ihm das CSF-Syndrom, eine chronische Ermüdungserscheinung, mit einem Mal fand er sich in Depressionen verfangen, tiefgekühlt und leergelaufen. Diese Krankheit zwang ihn zu einer mehrjährigen Erholungspause ohne Klavierspiel. Mit Medikamenten, Physiotherapie und einem immensen Willen kämpfte er sich mühsam zurück. Wie er sagte, hat diese Zäsur dazu geführt, dass er einen ganz anderen Ansatz zu seinem Instrument wählte. Und dann kam die wunderbare CD The Melody At Night, With You (1999) heraus. Einige Zeit später eine weitere bedachtsame versunkene Einspielung mit seinem Freund und Bassisten Charlie Haden (1937 – 2014): Jasmine (2010). Es folgten weitere Einspielungen und wieder Konzertreisen. Im Jahr 2018 wurde er von zwei Schlaganfällen in kurzer Folge heimgesucht. Seither ist er teilweise gelähmt und die Rückkehr ans Klavier scheint nahezu undenkbar. Nun übt er sich im Gehen ums Haus und dem Festhalten des Kaffeebechers.

Armando Anthony „Chick“ Corea (* 1941) ist ein anderer Pianist, dessen Karriere für Zeitgenossen all die Jahre überspannt. Die Frage ist eher, an welchen Stilrichtungen und Wechseln er nicht direkt oder zumindest indirekt beteiligt war? Zuerst im Jazz Fusion mit „Return to Forever“ und die vielen, facettenreichen Projekte, von Soloprojekten über Duos mit Bobby McFerrin, Yo Yo Ma oder Herbie Hancock, bis hin zu Big Band-Projekten. Ob Kinderlieder, Klassik, Blues oder Jazz, auf allen Genres war er zuhause und faszinierte mit seiner unnachahmlichen federleichten Spielweise. Obwohl von italienischem Ursprung, schlug sein Herz vornehmlich spanisch, was man einer Reihe seiner Kompositionen unschwer heraushören konnte. Obwohl mit den Jahren ein Zentralgestirn in der Jazzwelt geworden, blieb er immer der neugierige, bescheidene, suchende Junge, „Chick“ genannt. Auch in den Monaten der pandemiebedingten Einschränkungen blieb er aktiv und gab von seinem Heimstudio aus wunderbare Workshops. Im Februar diesen Jahres ist er unerwartet gestorben.

Ihr pralles, vielfältiges, wundervolles Werk bleibt uns erhalten und die Kunstfertigkeit der Pianisten auf den 88 Tasten unerreicht und bewundert. Sie sind Botschafter einer besseren Welt; – zeigen sie nicht gerade an dem Geschaffenen, welche Harmonien diesen schwarzen und weißen Tasten zu entlocken sind, welche Geschichten sich damit erzählen lassen.

Möge uns erspart bleiben, dass die engstirnigen doktrinären „Reinigungskräfte“ von heute, mit ihren vielen Fehlschaltungen im Gehirn, herausfinden, dass die Klaviatur aus weiß und schwarz problematisch sei, zumal von den 88 Tasten nur 36 schwarz, demgegenüber 52 aber weiß sind, und darüber hinaus zu diskutieren wäre, ob ein Weißer berechtigt sei, schwarze Tasten zu spielen und umgekehrt. Gott bewahre!

Diese beiden Männer und all die anderen weiter oben Genannten sind ein klingender, harmonischer Beweis vom Gegenteil und der Hoffnung darauf, dass die Musik all die schrillen hysterischen Töne überdauern wird.
Ein anderes Genre jetzt:  – zu erinnern wäre hier an den Paul McCartney / Stevie Wonder Song „Ebony and Ivory“: Ebenholz und Elfenbein, leben zusammen in perfekter Harmonie, Seite an Seite auf meinem Piano, oh Lord, warum können wirs nicht?

Master Keith – I loves you Porgy:  https://www.youtube.com/watch?v=o3D8Ri84hmw

Master Keith – Melody at night with you: https://www.youtube.com/watch?v=UNjKvvSacIs

Master Chick– Waltz for Debbie: https://www.youtube.com/watch?v=MHc55m0iAg0

Master Chick with Gary Burton at Tiny desk concert:  https://youtu.be/15IHNYq6stw

Paul and Stevie – Ebony and Ivory: https://www.youtube.com/watch?v=TZtiJN6yiik

Gewidmet meinem geschätzten Freund Willam “Pill Meister“ Evans, in Detroit aufgewachsener Pianist, Wanderer zwischen Florida und der Schweiz, gegenwärtig am JazzCampus Basel lehrend.

Studioaufnahme:   https://soundcloud.com/life-at-the-zoo/william-evans-4-8-20

Lockdown – endlos !?

(Bei Klick auf den Titel – Impftermin!)

Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, meinte einmal Albert Camus. So seien wir also froh und zuversichtlich in der Phase X der Pandemie. Die Regierung arbeitet unermüdlich, kommuniziert ausgewogen, überlegt und unisono ihre Einschätzung der Lage und die erforderlichen Maßnahmen. Jeder versteht das, denn sie beziehen wissenschaftliche Experten aus allen relevanten Fachgebieten ein, und variieren die Zusammensetzung der Gremien, um Entscheidungen je nach aktueller Situation bestmöglich ergreifen zu können. Es ist eine Krisenzeit, wo die parlamentarische Demokratie all ihre Vorteile ausspielen kann. Es werden die Menschen, deren Alltag unterschiedlich stark beschädigt ist, gehört und einbezogen. Außerdem wurde klug und vorausschauend Impfstoff geordert, als Ergebnis dessen in kürzester Zeit alle Impfwilligen ihre zwei „Shots“ bekommen können. Darüber hinaus stehen diverse Testkits zur Verfügung, um die aktuelle Virulenz aufzuspüren und den Eintritt in einen normalen Alltag zu flankieren. In den Gesundheitsämtern geht nachts das Licht nicht aus, die Angestellten arbeiten emsig, um die schon in der Frühphase der Pandemie eingeführte Software zur Nachverfolgung von Infektionsketten pausenlos am Laufen zu halten. Aus dem Wirtschaftsministerium ist zu vernehmen, dass dank der Handlungsstärke ihres Ministers die Überbrückungshilfen für Unternehmer und Selbstständige reibungslos ausgezahlt werden können, wenn es digital klemmt, sind Kuriere zur Stelle, um dem Einzelnen ihre Unterstützung zu überbringen. Trotz der Schwere der Krise sind die gebeutelten Menschen nicht unzufrieden und zuversichtlich.

So, oder so ähnlich könnte der Ablauf sein.

Everybody’s gotta live / And everybody’s gonna die / Everybody try to have a, a good time /I think you know the reason why


The Love: Everybody´s gotta live     https://www.youtube.com/watch?v=PNdMvW75LaE

Stattdessen bekommen wir mit zermürbender Kontinuität ein Possenspiel vorgesetzt. Das Publikum (wir) krallt sich entsetzt in die Sitzpolster, nur ein paar wenige versuchen zaghaft zu applaudieren, die Ausgänge lassen sich nicht öffnen.

Say fear’s a man’s best friend / You add it up – it brings you down

John Cale: Fear is a man´s best friend     https://www.youtube.com/watch?v=8iAAe_7_HOw

Wie es sich im Lockdown anfühlt, erzählt die amerikanische Band „The Fugs“, deren Köpfe Ed Sanders (geboren 1939) und Tuli Kupferberg (1923 – 2010) waren, in ihrem Song „Nothing“, aus dem Jahr 1965, passgenau, obschon ohne Corona-Kenntnis, in Englisch, Jiddisch und Spanisch:

Montag nichts, Dienstag nichts, Mittwoch und Donnerstag nichts; Freitag etwas anders: ein bisschen mehr nichts, Samstag einmal mehr nichts,…, Januar nichts, Februar nada, …, lesen nichts, schreiben nichts, Poesie, Musik, malen und tanzen nichts, Sex auch nichts, … die Politiker gornyscht, jede Menge nichts –

The Fugs: nothing    https://www.youtube.com/watch?v=UskDupcLM0M

Gut, wir werden das überleben, irgendwie, zumindest ein Teil der Menschheit, zwar nicht geläutert, aber zumindest übriggeblieben, überdauernd.
Vielleicht so, wie es Friedrich Nietzsche den letzten Menschen prophezeite:

Wir haben das Glück erfunden, sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Erde klein gemacht, und sind unaustilgbar wie der Erdfloh, und leben am längsten.
Klein gemacht – unaustilgbar – langlebig  insektengleich  – was für eine Vorstellung!

Erhabenheit wäre ein Begriff, der uns ein wenig aus dem Schlamassel herausragen lassen könnte. Es meint ein Mehr an Sicherheit durch Abstand. Das Erhabene liegt nicht im Gefährlichen selbst, sondern meint eine bestimmte Art, sich mit einer Misere auseinanderzusetzen. Es deutet auf die Einnahme einer distanzierenden, distanzierten Position. So in etwa findet man das bei Kant und Schiller. Erhabenheit ist eine Modalität, sich zur eigenen Unsicherheit zu verhalten, in Verhältnissen, die per se gefährdend, risikobehaftet sind. Eine fortgesetzte Arbeit an der Selbstsicherung, in Selbsterhebung mündend, – nicht über die Mitmenschen, aber über den Notstand. Sigmund Freud empfiehlt in diesem Kontext eine „ästhetische Einstellung“,  intellektuelle Tätigkeit und Kunstgenuss als „Leidensschutz“. Dennoch kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen oder dem Schrecken zu erliegen, sondern das zeigen, wofür nach Kant das Erhabene im Menschen steht: für die „Unbezwinglichkeit seines Gemüts durch Gefahr“.

Herausheben lassen kann man sich auch im Blättern durch Fotoalben (guck mal wo wir da waren, und was für Klamotten wir trugen!), oder die Musik, die wir einmal, noch jung und zuversichtlich, geliebt haben. Davon wissen die Carpenters gefühlvoll zu singen.

Als ich jung war, hörte ich Radio, wartete auf meine Lieblingssongs, wenn sie dann kamen, sang ich dazu und lächelte selig, das waren glückliche Zeiten, und nicht so lange her, ich fragte mich, wo sind sie hin, die Lieder, aber sie sind wieder da, wie ein alter lange vermisster Freund, all die Lieder, die ich so mochte, jedes Sha-La-La_la, jedes Wo-o-wo-o, leuchtet noch immer, jedes shing-a-ling-a-ling, das erklang, ist so schön, wenn sie zu dem teil kommen, wo es um Herzschmerz geht, muss ich weinen, wie damals, es ist gestern noch einmal, zurück blicken auf das, was vergangen ist, und die guten Zeiten, die ich hatte, macht das heute ziemlich traurig, so viel hat sich verändert, – es war ein Liebeslied, dass ich mitsang und ich erinnere noch jedes Wort, diese alten Melodien klingen noch so gut im Ohr, und schmelzen die Jahre dahin und die besten Erinnerungen sind auferstanden…

Carpenters: yesterday once more   https://www.youtube.com/watch?v=YTaWayUE5XA

Sag ruhig: was für eine Schnulze !  – Sag ich: Na und ?

Dann singt doch selbst etwas, z.B. den WELLERMANN  – auf geht’s !

Plaquemines Parish

(Nota bene: click + Bild!)

Gedankenreisen, ist das nicht eine zeitgemäße Form des Tourismus!? Und es ist ein Kinderspiel, dazu konto-schonend und zeitsparend: kein Bahn-, kein Flugticket nötig, keine Sorgen darüber, ob man auch die richtigen Klamotten eingepackt hat, – einfach einen passenden Bildband aus dem Bücherregal nehmen und aufschlagen, oder in den vernachlässigten Fotoalben blättern, und schon ist man mitten drin im Abenteuer. Alle gelernten DDR-Bürger erleben die Gegenwart als „Deja Vu“ leben im Hier und Heute die einstige Bedrängung, die Einschränkungen noch einmal nach. Aber sie haben möglicherweise auch einen Vorteil darin, dass sie die Situation besser handhaben können.

Heute mime ich den Reiseleiter und möchte meine hochverehrte Leserschaft auf eine (Gedanken)Reise entführen in den „Deep South“ der Vereinigten Staaten, – in einem Augenblick landen wir punktgenau mittendrin im Mississippi Delta. Und: we are travelling light“, wir reisen mit leichtem Gepäck und sind sorglos bezüglich unserer Ausrüstung.

Billie Holiday: Travellin´ light   https://www.youtube.com/watch?v=CnYINIgIvH0

Der behäbige Old Man River umfließt New Orleans – „The Big Easy“ – südlich, um sich unaufhörlich in den Golf von Mexiko zu ergießen, wozu er von New Orleans´ City Limits noch einmal 100 Meilen benötigt. In diesem Abschnitt hat er Unmengen an Sediment, die er auf seiner Reise von Minnesota und einer Reihe weiterer Bundesstaaten aufgesammelt hat, angehäuft und es ist eine eigentümliche Landschaft aus Wasserläufen, Teichen und Inseln entstanden. Ein unübersichtliches Marschland, welches infolge der Launen des Flusses und den schweren Stürmen aus der Karibik ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es ist eine unwirkliche, unwirtliche Landschaft, wo Festland und Wasser ein instabiles Gemenge bilden und dem Menschen das Fußfassen schwermachen. Der Autor Harnett T. Kane nennt es „einen Platz, der sich nicht entscheiden kann, ob es Wasser oder Erde sein will“. Es scheint eine schwindende Welt der fließenden Übergänge zwischen zwei Aggregatzuständen zu sein: dem Festland und dem Meer und je nach Laune lässt Mutter Natur die Boote, Häuser und Hafenanlagen gnädig stehen oder fegt sie missmutig hinweg.

Bobby Gentry: Mississippi Delta:   https://www.youtube.com/watch?v=Rdi-8V5-pkk

In der Vergangenheit gab es kühne Ansiedlungsbemühungen, zahlreiche Siedlungen und Marinas entstanden, wo der Grund gerade fest genug schien. Aber die schweren Stürme, die obendrein so hübsche Namen erhielten wie Isaac, Andrew, Betsy und Katrina, setzten der Gegend immer wieder zu, brachten Zerstörung und Not und überschwemmte nicht selten den gesamten Bezirk. Einmal kam das Unheil sogar von Norden: die große Mississippi-Flut führte dazu, dass in New Orleans Schutzdämme gesprengt werden mussten, um die Stadt zu retten; worauf eine Flut von der Landseite her vernichtend über das Land schwappte.

Der Verwaltungsbezirk, der das Gebiet des Mississippi Deltas umfasst und in dem ungefähr 27000 Menschen leben, heißt Plaquemines Parish. 1807 gegründet, erhielt es den Namen „Plaquemines“, -ein Misch-Wort aus der Atapaka-Sprache (piakimin) und des Französisch-Creolischen, und meint Persimmons, also die Kakifrucht, die einst in dieser Region reichlich vorgefunden wurde. Der Verwaltungssitz ist in einem Ort namens Pointe de la Hache, ca. 50 Meilen südlich von New Orleans an der East Bank des Flusses, wo heute, nach Katrina, nicht einmal mehr 200 Menschen leben. Die ersten „weißen“ Siedler, Franzosen, bauten die älteste Siedlung und nannten sie La Balize. Sie diente zunächst als Orientierung für den Schiffsverkehr. La Balize wurde wechselweise zerstört und wiederaufgebaut, um in der Mitte des 19. Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu werden. Die Siedler zogen flussaufwärts und gründeten dort den Ort Pilottown.
Pilottown, der Vorposten zum Golf von Mexico, hatte seine Glanzzeit als Station der „River Pilots“ die die großen Fracht- und Passagierschiffe kundig durch das Geflecht aus Wasserwegen bis in den Hafen von New Orleans lotsten. Sie sind moderne Mark Twains, welcher einst den Job der Lotsen selbst ausübte und in seinem Mississippi-Buch eindrücklich beschrieben hat. Auch Pilottown ist mittlerweile nahezu verschwunden; nach 2005 (nach Katrina) gab es bis auf 3 nur noch saisonale Bewohner.

Will man die Gegend bereisen, kommt man im Auto bis Venice, ca. 80, 90 Meilen südlich von „The Big Easy“ gelegen, hier ist die Endstation des Highways 23. Von da ab geht es nur noch mit dem Boot weiter. Sieben Meilen südlich von Venice teilt sich der Fluß schließlich in drei Arme, um in den Golf einzumünden.

Früher lebten die Leute hier hauptsächlich vom Fischfang, Austern, Flußkrebsen, als Fallensteller und vor allem als Bootlotsen. Aber auch der Anbau von Zitrusfrüchten gedieh prächtig. Plantagenbesitzungen, die man eher nördlich von New Orleans vermutet hat, hat es hier auch gegeben. Mittlerweile sind die meisten davon aufgegeben und verschwunden.

Was für ganz Louisiana gilt, ist auch hier offensichtlich: der Einfluß der ursprünglich französischen Siedler auf Sprache, Musik, Küche und vielem mehr. Im Jahre 1699 erreichte Pierre LeMoyne, Sieur de Iberville das Mississippi-Mündungsgebiet und beanspruchte das gesamte Gebiet (Louisiana) für den französischen König Louis XIV. Zuvor waren es die Ureinwohner vom Stamm der Chitimacha, die in diesem Gebiet lebten, bevor sie verdrängt wurden und heute in einem Reservat im Südwesten von Louisiana leben.

Über die Jahrhunderte war das Delta die Bühne für die Lebensparabel von nicht enden wollendes Auf und Ab aus Zerstörung, Austilgung, gefolgt von Rückkehr und Wiederaufbau. Ein Wechselspiel aus launischer, zeitweise friedlicher, dann wieder unerbittlicher Natur und dem unerschütterlichen Wagemut der zähen zweibeinigen Pioniere. Ein Ort ständiger Veränderung, ein Ort auch des Übergangs, der Ungewissheiten und des (Ver)Schwindens. Das Intermezzo von trügerischer Ruhe flankiert von Unsicherheit und Bedrohung davor und danach entwickelte Tugenden wie Ausdauer, Gelassenheit und ja, auch Zuversicht in seinen Bewohnern. Das wollte ich meinen geschätzten Mitreisenden gerne näherbringen.

Die wunderbaren Schwarz-Weiß Fotos von Matthew D. White lassen den Gedankenreisenden eintreten in eine ungewohnte entrückte Welt um ihren gegenwärtigen Zustand zu erspüren.

(Ich weiß gar nicht, ob das Teilen des Links aus der NYT erlaubt ist; ich sehe es mal so: ich mache andere auf diese Zeitung aufmerksam, ein Licht in der Medienlandschaft.)

Leonard Cohen: Travelling light   https://www.youtube.com/watch?v=okaqXB6Ns5s

Thick as a brick

Es drängt mich, auf die jüngsten Zumutungen der Regierung zu erwidern. Deren fragwürdiges Vorgehen, was sich seit langem, einem ausgeklügelten Schema folgend, wiederholt: zuerst die schlechten Nachrichten verkünden, dann diese zeitnah von einem nachgeschalteten Regierungsvertreter mit einem noch schlechteren Unkenruf übertreffen. Das ist Dystopie reinsten Wassers!

Was können wir tun? Es weg-jazzen, weg-bluesen, weg-swingen?

Ich werde den Zumutungen diesmal entgegen-rocken, -minstreln. Mit Jethro Tull als Komplize! In vier Teilen.

  1. Movement: Thick as a brick

Es macht mir wirklich nichts aus, wenn du das hier einfach aussitzt; meine Worte sind ein Flüstern, deine Taubheit ein Schrei; ich könnte deine Gefühle wecken, dein Denken nicht; deine Schaffenskraft, deine Liebe sind in der Gosse gelandet; jetzt bewegst du dich nur in den Niederungen, und betreibst deine miesen Geschäfte, und deine schlauen Leute haben noch gar nicht erkannt, wie es ist, Stroh im Kopf zu haben.

(interessante englische Eigenheit: thick as a brick würde in direkter Übersetzung heißen dick wie ein Ziegel. Wir könnten sagen: fett wie ein Brett, oder dumm wie Bohnenstroh, Stroh im Kopf)

Deine Tugenden, nichts als Sandburgen, längst weggeschwemmt von wiederholten Fehlern, dem moralischen Trubel; dein geschmeidiger Rückzug – das Ende des Theaters. Die letzte Welle legt deine wahre Haltung frei.

2. Movement: Dark Ages

Ihr Lieben, seid ihr vorbereitet für einen langen Wintereinbruch? Fragt die Dame im Empfangszimmer, sagt der Butler in der Halle; ist keine Hoffnung auf anderes, schreit der Besoffene im Schlaf; wahrscheinlich nicht, sagt das Kind; zuckende Fackeln markieren die Streikpostenlinie; die Politiker wimmern blasslippig und schleichen auf Zehenspitzen durch die Korridore der Macht; schau, wie sich die Bürokratie zum letzten Mal aufbäumt; und die neue Unordnung durchlässt, während die Vernunft ihren Hut nimmt; Familien versammeln sich schreiend auf den Straßen; werfen Fenster ein in kleinen Geschäften, wo die Ladenbesitzer die Lebensader des Landes aufrecht erhielten; klaube etwas auf, spiel den Streich, Brote und Fische werden geteilt; der Vikar schreit auf, als die Lichter ausgehen, aber niemand kümmert sich drum; Dunkle Zeiten, erschüttern die Toten; geschlossene Seiten, besser nicht lesen; dumpfe Wut brennt dir im Kopf.

3. Movement: Songs from the Wood

Lass mich dir Lieder aus dem Wald bringen; es wird dir besser gehen als du denkst, ich staube dich dich ab von Kopf bis Fuß und zeige dir wie der Garten blüht. Halt dich aufrecht, wenn du gehst, stimme in den Chor ein, wenn du kannst, ich mache einen ehrlichen Mann aus dir. Ich bringe dir das Schöne der Felder, das Rot des Mohns und der Rosen, dann heilen die Wunden und der Schmerz ist gestillt, ich bringe dir alle Dinge verschönert, Tanz und Lautensong, ein eiskaltes Ale; Gruß dir! Wiedergesehener Freund! ich bin der Wind in deinem Segel; Lieder aus dem Wald und dir geht es viel besser.

4. Movement: Living in the Past

Bin fröhlich, muss lächeln, ich gehe eine Strecke, um dein Wasser zu trinken; du weißt ich kann dich gut leiden, keiner kann dir das Wasser reichen; wir gehen raus, während andere meinen, das schickt sich nicht; wir geben nicht auf, leben wir doch in der Vergangenheit. Einst war ich überall dabei, habe mich auf vieles eingelassen; jetzt ist vieles im Umbruch, doch keiner weiß wirklich, wofür zu kämpfen; schließen wir die Augen, abseits von jenem Leben läuft alles viel einfacher; wir geben nicht auf, wir leben weiterhin in der Vergangenheit.

Wir haben verstanden: das Leben ist risikobehaftet. Das wissend, werden in der Wissenschaft gewöhnlich Risikoabschätzungen gemacht. Das bedeutet, das Leben darf nicht von Angst und Scheu beherrscht werden. Murmeltierverhalten steht uns nicht gut zu Gesicht. Wollen wir doch:

Skating away on the thin ice of the new day

(auf dem dünnen Eis des neuen Tages dahingleiten)

Systemrelevanz, Wachturm & Kinderchor

(Bild erscheint nach klick auf Titel)

Heute bemühe ich mich um eine Bestandsaufnahme. Wieder einmal. Und immer noch dasselbe Thema. Ihr erfahrt nicht wirklich etwas Neues, es lässt sich überspringen oder querlesen. Nur, halt, die Musik-Links sind zu empfehlen und bilden – wieder einmal – den unterhaltsamen Teil des Essays.
Seit einem Jahr jonglieren wir mit dem Virus in einer Art und Weise herum, die diese Plage nicht zu verdrängen vermag.
„Im Großen und Ganzen haben wir nichts falsch gemacht“ ließ sich unlängst die kochfeste Kanzlerin (a.k.a. „die Sprechmaschine“) vernehmen.  –  Aha?  Leere Impfzentren, spärlich rinnende Impfstofflieferungen, eine untaugliche Nachverfolgungs-App, eine verdöste und nun halbherzig gestartete Digitalisierung, – alles richtig gemacht? Bemerkenswert, eine solche Äußerung. Zieht man einen Vergleich mit dem Ausland heran, erkennt man unschwer, dass das Problem offensichtlich anders angepackt werden kann. Anderenorts wurde verstanden, dass man sich in dieser außergewöhnlichen Situation nicht scheuen darf, außergewöhnliche und nicht-standardisierte Wege zu beschreiten. „Hinter den sieben Bergen“ sind die Leute mit demselben Problem geschlagen, dort geht aber ein deutlicher Ruck durch die Gesellschaft; hier dagegen, (im offiziellen Sprech) „ruckelt“ es. Ich bin versucht, das eine wie das andere Verhalten als einen Gradmesser zu nehmen für das Interesse an bzw. der Wertschätzung der Regierten, der Bevölkerung. Bezeichnend, dass die einzig drastische Maßnahme hierzulande in der Aufrechterhaltung, Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns besteht, dass der Krisenstab hier sich vor allem damit hervortut, sich gegenseitig in schärferen Anweisungen zu übertrumpfen. Es werden bestürzende Aussagen laut, wie „Zero-Covid-Politik“ oder das launige Herunterschrauben des Inzidenzwertes, nach dem Lockerungen erlaubt wären. Nicht mehr 50, lieber 25 oder gar 10 als neuer Schwellenwert, ab dem die verstaubten Gesundheitsämter in der Lage wären, Infektionsketten nachzuverfolgen. Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte warten, bis der Virus mit seinen letzten Mutanten verschwunden ist. Dann schauen wir uns noch in fünf Jahren die Zimmerdecke an. Und es wird mit diesem bösen Bruder des Influenza-Virus nicht anders sein: wir müssen mit ihm leben lernen.

Andere Ansätze als Wegschließen gäbe es, wie es in anderen Teilen der Welt praktiziert wurde, die technikaffinen Asiaten haben es aufgezeigt. Hier klammert man sich aber an einen fadenscheinigen Datenschutz, der offenbar von fundamentalerer Bedeutung ist als Unversehrtheit und Leben der Mitmenschen. Zweifellos ist die Einschränkung der Grundrechte ein empfindlicher Stoff und sollte vorsichtig und zurückhaltend gehandhabt werden. Doch gerade leben wir unter solch eklatanten Umständen, dass Einschränkungen angemessen erscheinen, – aber wirklich flächendeckend, überall, über allen, ohne Beachtung regionaler Unterschiede?

Diese Pandemie macht zusätzlich noch Nebenwirkungen sichtbar: sie wirft zum einen ein Schlaglicht auf viele wohlbehütete Schmutzecken. Und macht augenscheinlich, was gern umspielt wird: systemimmanente Makel, und die Handlungs(un)fähigkeit des Regierungspersonals. Was der Bürger schon lange beargwöhnt, wurde gerade zur fatalen Gewissheit: wir sind regulativ doppelt überwölbt von einer nationalen und zusätzlich einer europäischen Bürokratie, wobei schon einer der „Deckel“ personell hypertroph und beschränkt funktional ist. Zum zweiten fungiert es wie ein Brennglas, und verdeutlicht, was gesellschaftlich bzw. system-relevant ist. Und es scheiden sich beispielsweise die Berufe, die wirklich wichtig sind für die Wohlfahrt einer Gesellschaft von denen, die es nicht sind. Was wären wir ohne Krankenhauspersonal, Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte, Busfahrer, Müllabfuhr, Postboten? – Und in welchem (neuen) Licht erscheinen plötzlich hochdotierte und umschwärmte Berufe wie Börsenmakler, Hedgefonds-Manager, Immobilienmakler, Banker, ja, und auch zum Teil: Beamte. Und wir sehen außerdem, dass die Wertschätzung überhaupt nicht korreliert mit der gesellschaftlichen Bedeutung derselben.

Im Frühjahr surften noch viele Menschen die erste Welle: Töpfe klopfen, Balkongesänge, und massenhaft tolle Ideen angesichts des Auf-sich-selbst Zurückgeworfenseins.

Die zweite Welle dagegen hat viele überspült; Stillschweigen, Flaute, Tatenlosigkeit, Mutlosigkeit, und Überdruß haben die Oberhand gewonnen.

Eine bizarre Situation, in der wir gerade eingeklemmt sind. Wohl den Impfwilligen, die den zweiten Pass haben (amerikanisch, britisch oder israelisch z. B.) sie müssen nicht auf das „Impfangebot“ warten (welcher Monat, Jahr?), sie dürften in naher Zukunft in ihrer zweiten Heimat zu einer Impfung kommen.

Was ist das, wenn das Staatsoberhaupt in dieser Situation behauptete, nichts falsch gemacht zu haben (2021) oder „nicht zu wissen, was man hätte anders machen können“ (2015), um nur zwei „Highlights“ herauszugreifen. Aber es bedarf eben auch eines Volkes, welches nach all der Ruckelei immer noch findet, dass dieses Personal das richtige ist.

Was entspannt? Prophet Dylan. All along the watchtower

Der Hofnarr sagt zum Dieb: es muss doch irgendeinen Weg hier herausgeben, es ist alles so verwirrend, ich spüre gar keine Entlastung. Wildfremde saufen meinen Wein und bestellen meine Erde. Und sie haben keine blasse Ahnung, welchen Wert das alles hat. Kein Grund sich zu sehr aufzuregen. Viele denken, das Leben ist nur ein Scherz. Wir haben das hinter uns, das ist nicht unsere Bestimmung. Hören wir auf, Unwahrheiten zu sagen, es wird langsam spät.

John Wesley Harding:  https://www.youtube.com/watch?v=bT7Hj-ea0VE

Live at Woodstock:  https://youtu.be/jd3iytj9SDQ

Viele warnen vor den Verwerfungen, die diese Pandemie mit sich bringen wird, vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Das wäre eine Kalamität größten Ausmaßes. Die, die von einem schweren Verlauf der Infektion nahezu überhaupt nicht betroffen sind, werden auf anderem Wege bedroht in ihrer Unversehrtheit. Das darf man nicht zulassen. Sie sind die Gestalter von morgen und haben alle Anlagen dafür, Optimismus, Frohsinn und Leichtigkeit inbegriffen:

One-voice Children Choir Utah:  https://www.youtube.com/watch?v=XB6yjGVuzVo

Wer seid ihr, Viren? Und wieviele?

(Klick oben – dann Bild)

Seit beinahe einem Jahr werden wir mit Nachrichten zu einem Virus gemästet, der sich – anders als viele seiner Vorgänger – einfach nicht einhegen läßt, aber gleichwohl viele, zu viele zu besiedeln, sprich: anzustecken vermag. Wie kommt das, wie funktioniert Ansteckung und – was ist eigentlich ein Virus?

Sehen wir vorerst vom biologischen Bereich ab und schürfen auf überschaubarem Terrain. Im Englischen verwendet man die Floskel „going viral“ nicht ausschließlich medizinisch, sondern als ein allgemeiner Begriff für ein Wort, eine Idee, ein Gerücht, was sich hemmungslos und ungezügelt verbreitet und von jedermann aufgegriffen wird, ohne vorher eine Überprüfung auf seine Richtigkeit, Wahrheitstreue und Auswirkungen durchlaufen zu haben. Dass man in diesem Zusammenhang nicht „going bacterial“ oder „going fungal“ verwendet hat, spricht für die Unübersichtlichkeit der Verläufe und die Hilflosigkeit in den Bemühungen zur Abwehr desselben.  Selbst „parasitisch“ wäre hier wenig zielführend, weil diese Form des Schmarotzertums einerseits leicht sichtbar zu machen ist und der Parasit den Wirt naturgemäß aus Eigeninteresse unversehrt halten will (siehe Zecke, Dracula, Wirecard und andere Beispiele aus dem bunten Strauß großer wie kleiner Schädlinge, die wir alle zur Genüge kennen). 
In seinen nahezu epischen, in zweierlei Sinn des Wortes erschöpfenden Ausführungen zum Thema „Was ist Kunst“ verwendet der russische Autor Lew Tolstoi an einer Stelle den Begriff der „Ansteckung“. Natürlich kannte Tolstoi Seuchen, die auch vor seinen Zeitgenossen nicht haltmachten. Viren waren jedoch zu seinen Lebzeiten (1828 – 1910) noch nicht identifiziert. Ansteckung verwendet Tolstoi im Zusammenhang mit Kunstwerken, die auf den Leser/Hörer/Beschauer einzuwirken und etwas zu hinterlassen vermögen, – und das kann im positiven wie auch negativen Sinne erfolgen. Zwar ist die Kunstrezeption eigentlich ein aktiver Prozeß, d.h. der Mensch sucht willentlich nach dem Schönen, dem Wahren, dem Wissen. Es kann aber auch passiv geschehen, und dabei dringt etwas in uns ein und generiert eine (gedacht die gleiche) Reaktion, – so ist es wenn ein Mensch lacht, er stimmt uns sogleich heiter, weint er, so sind wir auch betrübt, gähnt er, können wir selber das Gähnen kaum zurückhalten. Nach Tolstoi vermag eben auch die Kunst auf uns in vergleichbarer Weise einzuwirken. Worte und Gefühle (gleichbedeutend mit Kunst) für den Erzeuger wiedererlebbar zu machen durch das „Äußern“, infolgedessen an andere zu vermitteln (infizieren) und in ihnen die gleichen Gefühle hervorrufen zu können ist nach Tolstois Verständnis die Crux der Kunstkommunikation und Triebfeder dafür, dass wir nicht mehr als sich gegenseitig fremd und feindlich gegenüberstehende Wilde über die Erde streifen.  Das dünkt mir eine wohlwollende, aber romantisierte Weltsicht zu sein.  Wenn wir die vielen Irrwege betrachten, die die Menschheit gegangen ist, scheint es um die kunst- auch moralbasierte Infizierbarkeit (besser: Resonanzfähigkeit) der Menschen nicht zum Besten bestellt. Und Resonanzfähigkeit/Ansteckung macht eben auch nicht vor negativem Gedankengut halt. Darüber hinaus muss man davon Notiz nehmen, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen das Ansteckende gar nicht an sich heran-, besser: hineinläßt.

Richard Dawkins (geb. 1941) wähnte den Virus des Geistes dingfest gemacht zu haben, und taufte es das Mem. In seinem Buch „Das egoistische Gen“ verortet er in Replikatoren (beispielsweise ein Gen oder ein Virus) drei Eigenschaften, die es erfolgreich machen: Langlebigkeit (über Generationen hinweg beständig), Wiedergabetreue (nicht oder wenig fehlerhaft bei der Kopierung) und Fruchtbarkeit (Merkmale werden erhalten, die höhere Reproduktionschancen bieten).Dawkins stellte sich die Frage, ob diese Prinzipien und Mechanismen auch in einer kulturellen Umwelt beobachtet werden? Und tatsächlich lässt sich auch in anderen nicht-mikrobiologischen dynamischen Systemen eine evolutionäre Dynamik beobachten, etwa im Gehirn, in der Informatik, Technik als auch in der Wirtschaft. Daraufhin galt es zu ergründen, ob auf diesen Gebieten tatsächlich Arten von (nicht-genetischen) Replikatoren am Werk sind, die eine evolutionäre Dynamik entfalten, indem sie sich in einer spezifischen Umgebung zu reproduzieren vermögen. Und Dawkins meint, einen Replikator dessen Biosphäre im menschlichen Gehirn zu verorten sei, gefunden zu haben. Diesen nannte er, wie oben gesagt, das Mem. Meme sind Ideen, Geschichten, Melodien, Motive, Formen, Moden, Wörter, Sätze oder Texte, die von Mensch zu Mensch weitergegeben werden und sich, falls erfolgreich, in den Gehirnen der Menschen verankern. Erst durch die Weitergabe (Ansteckung?) werden diese Sachen zu einem Mem, einer Grundeinheit kultureller Systeme (Tolstoi, obwohl mem-los, lässt grüßen), – wie auch Gene Grundeinheiten sind, aber für biologische Systeme. Eine Mem-Replikation könnte man auch Ansteckung nennen, oder aber Nachahmung. Wie Gene sind auch Meme Mutationen unterworfen; Mem-Mutationen gehen bei der Aufnahme und Weitergabe vonstatten. Zweifelsfrei sind Menschen nicht dazu prädestiniert, exakte Kopien von Informationen herzustellen, sondern sie rekonstruieren sie in ihrem Geist, wobei andere Erfahrungen und Wissensbestände – andere Meme – einfließen. Mem-Weitergabe und Mutation läßt sich als ein Entwicklungsprozeß ansehen. Im Unterschied zur Genetik führt die memetische Evolution nicht grundsätzlich dazu, dass sich biologische Organismen erfolgreicher reproduzieren und ihre Gene langlebiger sind.

Daniel Dennett treibt Überlegungen dieser Art noch ein Stück weiter und definiert eine Person als einen Hominiden mit infiziertem Gehirn. Anders gesagt sind wir überwältigt von einer Invasion von Memen, die im Zusammenspiel mit verschiedenen individuellen Faktoren wie beispielsweise Erziehung, Umwelt, Erfahrungen usw. zu einem neuronalen Netzwerk verschaltet werden, welches das individuelle Bewusstsein ausmacht. Der Begriff Symbiose schafft hier mehr Klarheit, in dem Sinn, dass die verschiedenen Meme Symbionten repräsentieren, also symbiotisch (mit- und voneinander) leben, sich miteinander arrangiert haben im Sinne eines Evolutionsprozesses und das arrangierte neuronale Geflecht (Bewusstsein) auf unverwechselbare singuläre Weise ausmachen. Für Dennett gibt es nicht den vielbeschworenen Ort im Gehirn, wo Geist und Materie aufeinandertreffen und wo demnach der Sitz des Bewusstseins wäre. Diese Vorstellungen rüffelt er als „Kartesisches Theater“ ab.  Lässt man diese seine Thesen einsinken, so kommt man nolens volens zu dem Schluß, dass diese Interaktionsprozesse denjenigen im Inneren eines Computers / Smartphones gar nicht so wesensfremd sind. Und in der Tat vertritt Dennett als ausgemachter Atheist, Darwinist und Materialist die Meinung, dass auch in unserem Körper Prozesse ablaufen, die einem annähernd idealen Computer entsprechen. Dennett vergleicht unser Bewusstsein gerne mit der Benutzeroberfläche eines Computers oder Handys: rundheraus sind ihm Gedanken, Ideen usw. eine nützliche Illusion, die das Gehirn erzeugt, um einfacher und erfolgreicher arbeiten zu können. Die wahre Magie spiele sich unter dem Display oder im Gehirn ab, wo Milliarden von kleinen Biorobotern um die Rangordnung (Verschaltungen) kämpfen. Dennett sieht im Menschen nicht mehr als ein komplexes Stück Materie, welches den Naturgesetzen unterworfen ist, eine Art biologischer Roboter. Im Umkehrschluss spricht er der artifiziellen Intelligenz selbst ab einem bestimmten (zukünftig erreichbaren) technischen Niveau die Erreichung von Bewusstsein nicht ab.

Von uns als gedachte Roboter oder Computer ist es dann nur ein Katzensprung zur Invasion des „Bösen“ in unsere digitalen Systeme, den Computerviren. Ja, auch die digitalen Systeme sind infizierbar, wie jeder leidlich erfahren konnte. Und hier geht es nicht mehr um „positive“ Ansteckung, sondern um massive Störung, bis zu unwiederbringlicher Zerstörung von Funktionalität; einer Ansteckung also, die einer geistigen Konjunktur zuwider- und auf Demolierung, Schädigung zuläuft.

An dieser Stelle gelingt dann auch der Brückenschlag zurück zu den biologischen Systemen und „seinen“ Viren. Wer ein Stöberer im WWW ist, wird staunend auf umfangreiche Übersichten stoßen, welche die zahllosen Viren listen, die in der Menschheitsgeschichte diesen schon befallen bzw. in veränderter Form immer wiederkehrend „besucht“ haben. Der Begriff Virus stammt aus dem Lateinischen und läßt sich übersetzen als Schleim, oder Gift; mit der Etablierung dieser Terminologie ist klar, ein positiver Aspekt ist komplett ausgeschlossen und wir wissen, es kann sich nicht um etwas  Begehrenswertes handeln.
Nun wäre noch die Frage zu beantworten, was ein (biologisches) Virus eigentlich darstellt. Hierbei habe ich mich partiell von den Überlegungen Slavoj Zizeks zu diesem Thema leiten lassen. Das Virus erfüllt offensichtlich nicht die Kriterien für Leben; es ist weder lebend noch tot, eine Art „lebendes Totes“, eine biologische Karikatur, lebendig nur im Sinne seiner Fähigkeit, sich auf die unübertroffen primitivste, blödeste Art zu vervielfältigen. Trotz dieser Fähigkeit ist es keineswegs eine elementare Lebensform, sondern etwas wie ein ungewolltes Nebenprodukt, schlafloser, irrlichternder Abfall, Ergebnis einer Fehlfunktion von Prozessen, welches nicht aufhört, sich in Lebensvorgänge einzumischen. Schelling nannte solche Überbleibsel (in einem anderen Kontext) den „nie aufhebbaren Rest“.  Der Virus ist also ein Rest, eine ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit, an die Grenzen der Allmacht, an die Limite auch moderner kapitalistischer Gesellschaften. Und da sind wir schon bei der Frage nach den Ursachen. Auch wenn man meint, eine Ahnung davon zu haben, wird sein Ursprung wohl nicht so bald aufgedeckt werden können, – eingedenk dessen, dass die Wurzel des Übels in China liegt. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Geisel aus einem virologischen Forschungslabor stammt; auf der Hand liegt zumindest, dass der moderne Mensch mit seiner Lebensweise maßgeblich zu dessen Verbreitung beigetragen hat. Es war die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross die fünf Trauerphasen bzw. fünf aufeinander folgenden Stufen der Reaktion auf dramatische Ereignisse formuliert hat: (1) Verleugnung, (2) Zorn, (3) Verhandeln, (4) Trauer und (5) Akzeptanz, Durchläufe, die Slavoj Zizek auch während der Corona-Pandemie am Werk sieht. Entscheidend ist gerade in dem gegenwärtigen Fall, wie die fünfte Phase, die Akzeptanzphase ausgestaltet wird. Zizek sieht zwei Möglichkeiten: irgendwann wieder zurück zur Gewohnheit, zur Normalität, oder ohne Panik und Illusionen die Menschen zu einer kollektiven Solidarität zu mobilisieren. Insofern haben wir eine Wahl, wenn es ein „Danach“ geben sollte.

Vielleicht, meint Zizek, ist die verstörendste Sache dabei, die wir von der andauernden Epidemie lernen können: wenn die Natur uns mit Viren attackiert, ist es ein Weg, unsere eigene Message an uns zurückzusenden. Die Message lautet: was ihr mir angetan habt, das tue ich jetzt mit euch.

Für einen musikalischen Ausklang habe ich Doris Day und Iggy Pop gewählt, ein hübsches Paar, nicht wahr?

Doris Day: Que sera sera (was wird sein)  —  https://www.youtube.com/watch?v=xZbKHDPPrrc

Iggy Pop: Dirty little virus      https://www.youtube.com/watch?v=J_2zS_XPxT0